Die Dänin Pernille Harder (l.) gegen Schwedens Sara Thunebro © dpa-bildfunk Foto: Adam Ihse

Bilanz

Weniger Tore, mehr Niveau und eine Los-Premiere

Die Frauenfußball-Elite in Europa ist näher zusammengerückt. Deutschland hat seine Vormachtstellung verloren. Frankreich und Schweden gelten als Topfavoriten. Eine Bilanz der Vorrunde.

Es war am Donnerstagabend um 23.35 Uhr, als im Hotel der dänischen Fußballerinnen plötzlich Ausnahmezustand herrschte. Das dänische Team hatte das 1:1 zwischen Spanien und Russland gemeinsam auf einer Videoleinwand verfolgt und danach mehr als eine Stunde lang nervös die Stellung gehalten. Weil Dänemark und Russland als Gruppendritte jeweils zwei Punkte hatten, musste das Los entscheiden. Trainer Kenneth Heiner-Möller hielt telefonischen Kontakt nach Norrköping, wo die norwegische "Losfee" Karen Espelund, im UEFA-Exekutivkomitee zuständig für Frauenfußball, die Kugel mit dem Namen "Dänemark" aus der Lostrommel fischte. In diesem Moment reckte Heiner-Möller im Hotel in Floda den rechten Arm nach oben, und dann gab es kein Halten mehr. Schreiend, singend und tanzend feierten die Däninnen dieses historische Ereignis. Zum ersten und zum letzten Mal hatten bei einer Frauen-EM nicht rein sportliche Faktoren über das Weiterkommen entschieden. Und während Dänemark noch über das unverhoffte Viertelfinale gegen Frankreich jubelte, hagelte es im Netz bereits bissige Kommentare, wie: "Warum spielt man nicht gleich Schnick-Schnack-Schnuck?"

Top-Spielerinnen

Von Angerer bis Schelin - die Stars der EM

2,3 Tore im Schnitt

Die umstrittene Los-Premiere am Ende der Vorrunde schmälerte etwas den insgesamt guten Eindruck, den diese Europameisterschaft bisher hinterlassen hat. Das Niveau wird peu à peu besser, die Elite ist näher zusammengerückt, die Ergebnisse fallen knapper aus. Im Vergleich zur EM in Finnland vor vier Jahren, als erstmals zwölf Mannschaften teilnahmen, fielen in den 18 Gruppenspielen deutlich weniger Tore. 2009 trafen die Schützinnen noch 48 Mal, das entspricht 2,7 Toren im Schnitt. In Schweden fielen nur 41 Treffer (2,3 im Schnitt). Das 5:0 von Gastgeber Schweden gegen Finnland und der 3:2-Sieg der Spanierinnen gegen England waren die torreichsten Duelle. Auch die Stimmung in den kleinen, aber feinen Stadien lässt nicht zu wünschen übrig. Das Zuschauerinteresse ist etwas größer als in Finnland, wo in der Vorrunde 5.170 Fans pro Begegnung kamen.

Deutschland verliert Sonderstatus

Deutschlands Celia Okoyino da Mbabi (l.) beim Torschuss © dpa - Bildfunk Foto: Patric Soderstrom

Der Titelverteidiger - hier mit Celia Okoyino da Mbabi (l.) - kam ins Straucheln.

Als sicher gilt nach der Vorrunde, dass Deutschland seine Vormachtstellung eingebüßt hat. Das nach dem Ausfall von sechs Stammkräften stark verjüngte Team hinterließ einen unsicheren und unbeständigen Eindruck in den Gruppenspielen. Erstmals seit 20 Jahren setzte es beim 0:1 gegen Norwegen wieder eine Niederlage bei einer EM. Danach fielen drastische Worte. Kapitän Nadine Angerer forderte die Spielerinnen auf, "den Arsch hochzukriegen", Bundestrainerin Silvia Neid sprach von einer "unterirdischen" Leistung in der ersten Halbzeit. ARD-Expertin Nia Künzer diagnostizierte einen Mangel an Ideen im deutschen Offensivspiel und sagte für das Viertelfinae am Sonntag (21.07.13/18 Uhr live im Ersten und bei sportschau.de) gegen Italien eine Geduldsprobe voraus. Sollten die DFB-Frauen die Wende schaffen und am Ende doch noch ihren achten Titel holen, wäre das inzwischen bereits als Überraschung einzustufen.

Frankreich elegant, Schweden treffsicher

Top-Favoriten auf die EM-Krone sind inzwischen andere, allen voran Frankreich. Die "Equipe Tricolore" bot den technisch anspruchsvollsten Fußball und brachte es mit Eleganz und spielerischer Leichtigkeit als einziges Team zu drei Siegen in der Vorrunde. Die Mannschaft von Trainer Bruni Bini ist reif für den ersten Titel. Auch Schweden erfüllt die Erwartungen. Nach einem zähen Start beim 1:1 gegen Dänemark, kam die Torfabrik der Gastgeberinnen auf Touren: Neun Tore schoss die Mannschaft von Trainerin Pia Sundhage in drei Spielen, so viele wie kein anderes Team.

Island gelingt erster Sieg

Spaniens Spielerinnen jubeln © imago/kamerapress Foto: imago/kamerapress

Die Spanierinnen gehörten zu den positiven Überraschungen.

Für eine Überraschung sorgte Island, das nach seinem ersten Sieg bei einer EM-Endrunde erstmals die K.o.-Phase erreichte. Spanien, wie Island erst über die Play-offs für Schweden qualifiziert, präsentierte sich bei seiner Rückkehr auf die EM-Bühne ebenfalls stark verbessert. Das Spiel der Ibererinnen ist wie das ihrer erfolgreichen männlichen Kollegen auf Ballbesitz ausgerichtet. Physisch sind die kleinen und wuseligen Spanierinnen gegen eine Mannschaft wie Viertelfinal-Gegner Norwegen aber klar im Nachteil. Der zweimalige Europameister gehört wie Italien zu den Stammgästen in der Runde der letzten Acht - allerdings haben sich diese beiden Teams im Vergleich zu den anderen Viertelfinalisten in ihrer Spielkultur wohl am wenigsten weiterentwickelt.

England und Holland enttäuschen

Für die größte Enttäuschung der EM sorgte England. Der Finalist von 2009 schied mit nur einem Punkt als Letzter der Gruppe C aus. "Das Aus erhöht den Druck auf Hope Powell", schrieb die englische Zeitung "The Independent" nach dem 0:3 gegen Frankreich. Der Job der Trainerin, die seit 15 Jahren die Geschicke der "Three Lionesses" lenkt, ist nach der schlechtesten Turnierleistung seit 2001 in Gefahr. "Bei uns hat es einfach nicht Klick gemacht", sagte Powell. Noch schlechter als England waren nur die Niederländerinnen. Nach einer couragierten Leistung beim 0:0 gegen Deutschland fand der EM-Halbfinalist von 2009 nicht mehr ins Spiel und reiste ohne Torerfolg aus Schweden ab.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 28.07.2013, 15.20 Uhr

Stand: 19.07.13 15:09 Uhr