Jubel bei den dänischen Fußballerinnen © imago/Kamerapress

Außenseiter im Halbfinale

Dänemark: Wunder gibt es immer wieder

Hanno Bode, sportschau.de

Die dänischen Fußballerinnen sind bei der EM sensationell in die Vorschlussrunde eingezogen. Die Geschichte ihres Triumphzugs erinnert dabei ein wenig an die Männer-Endrunde 1992, als Dänemark ebenfalls in Schweden völlig unerwartet den Titel gewann.

Als die dänischen Männer 1992 in Schweden Europameister wurden, war dies zweifellos eine Sensation. Immmerhin durfte das Team nur bei der Endrunde auflaufen, weil dem eigentlich qualifizierten Jugoslawien wegen des Balkankofliktes die Teilnahme verwehrt wurde. Einen besonderen Charme erhielt der Triumph durch den Umstand, dass die Skandinavier ohne richtige Vorbereitung und mit einer großen Portion Gelassenheit den Pokal holten. 21 Jahre später sind die Frauen der Dansk Boldspil-Union (DBU), dem dänischen Fußballverband, drauf und dran, es den Männern gleichzutun. Und es wäre ein nicht minder verrückter Sieg als der des Teams um Kultkeeper Peter Schmeichel, "Faxe" John Jensen und Co. damals. Denn ohne eine Partie nach regulärer Spielzeit gewonnen zu haben, stehen die dänischen Frauen in der Vorschlussrunde. Nach der mit zwei Zählern beendeten Vorrunde sowie des anschließenden Losentscheids, als bester zweiter Gruppendritter ins Viertelfinale einzuziehen, gelang nun gegen den Topfavoriten Frankreich mit dem 5:3 nach Elfmeterschießen die große Sensation. "Wir waren fast schon auf dem Weg zurück über die Brücke nach Hause und sind dann umgedreht. Und jetzt sind wir weiter hier", jubelte Trainer Kenneth Heiner-Möller über das Fußballmärchen. Für Angreiferin Johanna Rasmussen, die den Außenseiter gegen die "Equipe Tricolore" mit 1:0 in Führung gebracht hatte, war die Begegnung "das Verrückteste, was ich je erlebt habe".

Möllers Taktik, Glück und Lykke Petersen

Die dänische Nationaltorhüterin Stina Lykke Petersen © imago/Kamerapress

Stina Lykke Petersen ist der große Rückhalt Dänemarks.

Das "Wunder", wie die dänischen Tageszeitungen den Triumph übereinstimmend bezeichneten, gründete auf viel Glück, einer fast unmenschlichen kämpferischen Leistung sowie einer mutigen Taktik von Möller. In seinem 100. Spiel als Nationalcoach wählte der 42-Jährige eine offensive Ausrichtung mit drei Stürmerinnen. Und getreu des Mottos: "Angriff ist die beste Verteidigung" gelang es den Skandinavierinnen im ersten Abschnitt zumeist auch, die technisch beschlageneren Französinnen vom eigenen Gehäuse fernzuhalten. Und tauchte die "Equipe Tricolore" doch einmal vor dem dänischen Tor auf, stand Keeperin Stina Lykke Petersen dem erfolgreichen Abschluss im Weg. Die 27-Jährige wurde bereits vor dem Elfmeterschießen für Frankreich zum personifizierten Albtraum. Als Heldin wollte sich Lykke Petersen aber trotz eines halben Dutzends Glanztaten nicht feiern lassen. "Wir arbeiten und rennen als Team so viel zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Wir haben an uns geglaubt, und deswegen sind wir nun auch weiter", sagte die 27-Jährige "uefa.com" und gab damit alle Glückwünsche brav an die Mannschaft weiter.

Petersen: "Das Größte, was ich je erlebt habe"

Die dänische Kapitänin Katrine Pedersen (r.) im Duell mit der Französin Eugenie Le Sommer © imago/PanoramiC

Kapitänin Katrine Pedersen (r.) stand bereits 2001 mit Dänemark in einem EM-Halbfinale.

Viel hatte allerdings nicht gefehlt, und Dänemark wäre - wie von fast allen Experten vorausgesagt - ausgeschieden. Im zweiten Abschnitt konnten die Skandinavierinnen das hohe Tempo aus den ersten 45 Minuten nicht mehr halten, krochen auf dem Zahnfleisch in die Verlängerung. Auch in der Extrazeit war es eine Mischung aus Krampf, Kampf und viel Glück, die den dänischen Traum am Leben hielt. "Wir müssen zugeben, eingeschnürt worden zu sein. Aber diese Mädchen haben es sich verdient, sie haben wirklich hart dafür gearbeitet", lobte Möller im Gespräch mit dem Fernsehsender "TV 2" den Einsatzwillen seiner Mannschaft. Diese durfte sich vor Beginn des Elfmeterschießens eigentlich bereits ziemlich sicher sein, die Sensation zu schaffen. Denn in Lykke Petersen stand ja die Torfrau zwischen den Pfosten der DBU-Auswahl, die im Eröffnungsspiel gleich zwei schwedische Strafstöße entschärfte und auch beim Penalty der Französin Louisa Necib, der zum 1:1 führte, die Fingerspitzen am Ball hatte. Die Schützinnen der "Equipe Tricolore" wirkten dann auch allesamt nachdenklich, als sie zum Punkt schritten. Necib und Sabrina Delannoy (Pfosten) waren vielleicht gar im "Gedankengefängnis". So nahm das Schicksal für den Topfavoriten seinen Lauf. Der Rest war ein französisches Tränenmeer und grenzenloser dänischer Jubel. "Es ist das Größte, dass ich je erlebt habe. Es ist verrückt", sagte Kapitänin Katrine Pedersen der Zeitung "Jyllands-Posten". Für die 36-Jährige, die bereits 2001 mit Dänemark im Europameisterschafts-Semifinale stand, könnte im Herbst ihrer Karriere der Traum von einem Titel mit dem Nationalteam doch noch in Erfüllung gehen. Er würde - wie der Sieg der dänischen Männer 1992 - in den Fußballgeschichtsbüchern gewiss als "Wunder" tituliert.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 28.07.2013, 15.20 Uhr

Stand: 23.07.13 12:04 Uhr