Saskia Bartusiak, Annike Krahn und Luisa Wensing (v.l.) sind enttäuscht. © dpa - Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen

Deutsches Team

DFB-Team kassiert erste EM-Pleite seit 20 Jahren

Ines Bellinger, sportschau.de

Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft ist nach einem 0:1 gegen Norwegen als Gruppenzweiter ins Viertelfinale eingezogen. Dort wartet Italien auf den Titelverteidiger.

Die deutschen Fußballerinnen haben nach einer enttäuschenden Vorstellung die erste EM-Niederlage seit 20 Jahren kassiert und damit den fest eingeplanten Sieg in der Vorrundengruppe B verpasst. Nach dem 0:1 (0:1) gegen Norwegen am Mittwochabend (17.07.13) in Kalmar zog der Titelverteidiger und Rekordeuropameister nur als Gruppenzweiter ins Viertelfinale ein. Damit spielt die Mannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid am Sonntag (21.07.13/18 Uhr live im Ersten) in Växjö gegen Italien um den Einzug in die Runde der letzten Vier. Ingvild Isaksen (45.+1) erzielte mit einem abgefälschten Schuss kurz vor der Pause das Tor des Tages für den zweimaligen Europameister, der vor 10.346 Zuschauern mit einer besseren B-Elf angetreten war und als Gruppensieger im Viertelfinale nun gegen den Zweiten der Gruppe C (Spanien, England oder Russland) spielen wird. Gegen die Italienerinnen hat die DFB-Auswahl nur vier von 25 Spielen verloren, zuletzt gab es im Viertelfinale der EM 2009 einen 2:1-Sieg.

Neid: "Erste Halbzeit unterirdisch"

Die Bundestrainerin, die den Gruppensieg als Ziel ausgegeben hatte, fand nach dem Spiel deutliche Worte: "Die erste Halbzeit war wirklich unterirdisch", sagte Neid. "Wir waren viel zu träge und hatten keine Ideen. Die zweite Halbzeit war dann ganz okay. Die Frage ist, warum wir in der ersten Hälfte unsere Leistung nicht abgerufen haben." Angesprochen auf die historische erste EM-Niederlage seit dem 1:3 gegen Dänemark am 3. Juli 1993 reagierte Neid betont gleichgültig: "Das war mir nicht klar, ist mir aber ehrlich gesagt auch egal. Alles geht einmal zu Ende." Zum ersten Mal seit 16 Jahren beendete die deutsche Auswahl eine EM-Vorrunde nicht als Gruppensieger. "Wir müssen jetzt unseren Arsch hochkriegen, sonst wird das kein gutes Turnier für uns", sagte Kapitän Nadine Angerer. "Italien ist sehr unangenehm. So wie heute geht es nicht noch mal."

Deutsches Team

Kalte Dusche für Neid-Elf

Goeßling krank, Laudehr in der Startelf

Dass Jennifer Cramer gelbgesperrt fehlen würde und dafür Luisa Wensing ihr EM-Debüt feiern würde, war keine große Überraschung. Unverhofft kam aber der grippale Infekt, der Lena Goeßling erwischte. Die Wolfsburgerin, bisher eine Bank auf der Sechser-Position, musste das Spiel vorm Fernseher im Hotel anschauen. Für sie rückte Simone Laudehr in die Startelf. Die Frankfurterin hatte nach einer langwierigen Knieverletzung in diesem Jahr keine Bundesliga-Partie absolviert, die mangelnde Spielpraxis war deutlich anzumerken. Norwegens Trainer Even Pellerud entschied sich angesichts des bereits gelösten Viertelfinal-Tickets dafür, Kräfte für die K.o.-Runde zu sparen. Er rotierte sechs Spielerinnen aus seiner Startelf, darunter Kapitän Ingvild Stensland, die Routiniers Solveig Gulbrandsen und Marit Christensen sowie die hochtalentierte Caroline Hansen. Die Potsdamerin Maren Mjelde führte Norwegen als Kapitän aufs Feld.

Isaksen stellt Spielverlauf auf den Kopf

Die norwegischen Spielerinnen Ingvild Isaksen (l.) und Toril Akerhaugen einen Treffer. © dpa - Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen

Ingvild Isaksen (l.) bejubelt das glückliche 1:0.

"Wir gehen das Spiel so an, als wären wir noch nicht qualifiziert", hatte Neid versprochen. Und vielleicht wollten das ihre Spielerinnen auch. Doch das deutsche Spiel war viel zu statisch angelegt, um das kompakte und weit zurückgezogen agierende 4-3-3-System der Norwegerinnen auseinanderzunehmen. Nach einem Warnschuss von Emilie Haavi, den Torhüterin Angerer zur Ecke klärte (4.), waren die DFB-Frauen deutlich feldüberlegen. Zwingende Chancen gab es aber kaum, von guten Kombinationen ganz zu schweigen. Die erste Möglichkeit war ein Zufallsprodukt. Abwehrchefin Saskia Bartusiak schlug einen langen Ball aus der eigenen Hälfte in Richtung norwegisches Tor, die Kugel sprang noch tückisch auf und beinahe hinter Torhüterin Ingrid Hjelmseth ins Tor (29.). Die zweite gute Chance kam kurze Zeit später nach einer Standard-Situation zustande. Ein Kopfball von Wensing nach einer Ecke von Dzsenifer Marozsan tropfte auf die Latte (30.). Kurz vor dem Pausenpfiff wurde der Spielverlauf dann auf den Kopf gestellt. Eine Kopfballabwehr von Lena Lotzen landete auf dem Fuß von Isaksen, die aus 20 Metern abzog. Abgefälscht von Elise Thorsnes landete der Ball im deutschen Tor - Angerer hatte keine Chance, ihr erstes Gegentor im Turnier zu verhindern.

Auch Behringer und Mittag können es nicht richten

Obwohl ihre Mannschaft im Spielaufbau nicht ansatzweise so überzeugen konnte wie noch beim 3:0 gegen Island und sich ein Fehlpass an den nächsten reihte, verzichtete Neid auf eine Korrektur ihrer Aufstellung in der Pause. Das DFB-Team drückte auf den Ausgleich, doch in der norwegischen Hintermannschaft tat sich keine Lücke auf. Stattdessen lief Angerer Gefahr, noch ein zweites Tor zu kassieren, als Norwegen mutiger wurde und in Gulbrandsen und Hansen zwei offensiv ausgerichtete Mittelfeldspielerinnen brachte. Hansen prüfte Angerer mit einem Schuss aus 18 Metern (66.). Nun wechselte auch die Bundestrainerin doppelt und setzte auf die Karte Erfahrung: In Melanie Behringer und Anja Mittag brachte sie zwei Routiniers ins Spiel. Es änderte nichts am vergeblichen Anrennen. Gelungene Kombinationen waren eine Seltenheit. Und wenn, dann mangelte es am Abschluss. Als Nadine Keßler mustergültig freigespielt wurde, versuchte es die Wolfsburgerin mit einem Heber, doch der Ball landete auf dem Tornetz (78.). So blieb es bei der ersten Niederlage im 29. EM-Spiel. "Wir haben um das Tor gebettelt. So haben wir gegen die Italienerinnen keine Chance", sagte die frustrierte Abwehrchefin Bartusiak.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 28.07.2013, 15.20 Uhr

Stand: 17.07.13 20:58 Uhr