Dzsenifer Marozsan © imago/Nordphoto Foto: Rauch

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Stoische Marozsan im Dienste der Mannschaft

von Florian Neuhauss, sportschau.de

Der 2:0-Erfolg gegen Russland brachte einige Erkenntnisse: Steffi Jones setzt tatsächlich auf ihren ganzen Kader, auf Lena Goeßling ist nach wie vor Verlass und Dzsenifer Marozsan kann noch Tore schießen. Doch das bedeutet der 25-Jährigen kaum etwas.

Freude kam bei Dzsenifer Marozsan keine auf. Fast stoisch ließ die Kapitänin den Jubel ihrer Mitspielerinnen über sich ergehen, nachdem sie den so wichtigen, weil vorentscheidenden Elfmeter zum 2:0 gegen Russland verwandelt hatte. "Es ist egal, wer den Elfmeter schießt. Hauptsache, er ist drin", sagte Deutschlands Fußballerin des Jahres sportschau.de. "Unser Erfolg steht an erster Stelle - und wir sind Gruppenerster geworden." Damit geht es im Viertelfinale am Samstag (29.07.2017, 20.45 Uhr, im Live-Ticker auf sportschau.de) gegen Dänemark. Ihre eigene Leistung sah Marozsan allerdings kritisch: "Ich war bisher sehr zufrieden, auch wenn es immer besser geht. Diesmal hatte ich wieder viele Ballkontakte, aber für meinen Geschmack zu viele Ballverluste."

Was ist während der EM schon alles geschrieben worden. Sie sei nicht in Form. Mal lastete die Erwartungshaltung, mal das Kapitänsamt zu schwer auf den Schultern der ja auch erst 25-Jährigen. Sara Doorsoun, die gegen die Russinnen ein ganz starkes EM-Debüt gefeiert hatte, brach eine Lanze für Marozsan. "Ich finde es schade, dass sie nur an ihren Offensivaktionen gemessen wird", betonte die Essenerin. "Sie arbeitet unheimlich viel für das Team und stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft. Ihre Einstellung stimmt einfach."

Doorsoun: "Da hätte schon mein Bein ab sein müssen"

Anders als zuvor hatte Bundestrainerin Steffi Jones mannschaftsintern kein Geheimnis aus der Aufstellung gemacht. Doorsoun und auch Lena Goeßling erfuhren bereits vor dem Abschlusstraining von ihrem ersten Einsatz in den Niederlanden. "Ich kenne das sonst gar nicht von mir, aber ich war sogar schon beim Training aufgeregt", erzählte Doorsoun und untertrieb maßlos, als sie hinzufügte: "Ich glaube, es hat vernünftig geklappt." Dabei hatte die Tochter eines Iraners und einer Türkin einen schweren Stand. In Hälfte eins prallte sie erst mit dem Kopf auf den Boden und wurde dann im Zweikampf hart gefoult. Daran, sich bei ihrem EM-Debüt auswechseln zu lassen, verschwendete die 25-Jährige jedoch keinen Gedanken: "Diesmal hat es echt weh getan - und ich bin hart im Nehmen. Aber um in diesem Spiel runterzugehen, hätte schon mein Bein ab sein müssen."

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Goeßlings erstes Spiel seit fast neun Monaten

Während Doorsoun zumindest in Essen ordentlich Spielpraxis gesammelt hatte, war es für Goeßling das erste Spiel seit fast neun Monaten. "Ich habe mich riesig über die Nominierung gefreut", sagte die Wolfsburgerin. "Es war aber gut, dass Steffi mir so früh Bescheid gesagt hat. Nach dieser langen Pause musste ich mich auch vom Kopf her auf das Spiel vorbereiten." Zumal die Rolle als Innenverteidigerin zwar bekannt, aber trotzdem ungewohnt sei. Anmerken ließ sich die gelernte Mittelfeldspielerin ihre Unsicherheit allerdings nicht, sondern zeigte über 90 Minuten eine starke und sehr konzentrierte Leistung. Geht es gegen Dänemark so weiter? "Ich stelle keine Ansprüche, von Anfang an zu spielen", meinte Goeßling und fügte hinzu: "Das wird ein Spiel auf Augenhöhe."

Jones überrascht sogar die Nummer eins

Deutschlands Nationalspielerin Tabea Kemme (l.) wird von Trainerin Steffi Jones (r.) auf ihre Einwechslung vorbereitet. © imago/VI Images

Alle Feldspielerinnen eingesetzt: Als Letzte setzt Steffi Jones (M.) Tabea Kemme (l.) ein.

Sowohl Doorsoun als auch Goeßling verdienten sich ein Sonderlob von Jones. Weil die in der Schlussphase auch noch Tabea Kemme einwechselte, haben nun alle Feldspielerinnen mindestens einmal auf dem Platz gestanden. Und keine von ihnen hat dabei enttäuscht. So kann die Bundestrainerin weiter darauf setzen, die Gegner durch ihre steten Wechsel zu überraschen und jeder einzelnen Spielerin dadurch ihr Vertrauen auszusprechen. Auch Almuth Schult überrascht Jones mit ihren Rochaden: "Aber der Erfolg gibt ihr einfach Recht", meinte die Nummer eins.

Marozsan: Nur Meinung des Teams zählt

Das gilt auch für Dzsenifer Marozsan. Hatte Frankreichs Fußballerin des Jahres im Spiel gegen Italien (2:1) noch Babett Peter nach kurzem Blickkontakt den Elfmeter überlassen, war diesmal alles klar - zumindest für Marozsan. Den ersten Strafstoß verwandelte wieder die Abwehrchefin, beim zweiten schnappte sich die Spielmacherin einfach selbst den Ball. "Wir hatten gar keinen Kontakt. Ich weiß, dass es für einen Schützen sehr schwierig ist, zwei Elfmeter in einem Spiel zu schießen. Ich bin nicht geil drauf, Elfmeter zu schießen, aber ich wollte vermeiden, dass sie noch mal ran muss", meinte die Wahl-Lyonerin, die nach eigener Aussage eine Torvorlage einem eigenen Treffer stets vorziehen würde. Ihrer Mitspielerin stand sie vom Punkt allerdings in nichts nach und schoss präzise ins Netz.

Bliebe nur noch die Frage nach der öffentlichen Kritik. "Mir ist wirklich ganz egal, was in den Zeitungen steht", betonte Marozsan. "In welchem Jahrhundert leben wir denn?" Wenn Babett Peter sich gegen Italien gut gefühlt habe, dann sei es klar gewesen, dass sie schießt. Sie als Kapitänin trete dann gern zurück. Ihr sei es ohnehin nur wichtig, was Kolleginnen wie Sara Doorsoun über ihre Leistung sagten. "Ihre Meinung bedeutet mir viel mehr", schloss Marozsan - und wirkte zum Abschluss des Spieltags doch noch zufrieden.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | FIFA Frauen WM 2019 | 21.07.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 26.07.17 01:52 Uhr