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Nadine Keßler: UEFA-Anzug statt DFB-Dress

von Florian Neuhauss, sportschau.de

Nadine Keßler ist seit April hauptberuflich Beraterin der UEFA. Die ehemalige Weltfußballerin will mit ihren Ideen die Entwicklung des Frauenfußballs weiter vorantreiben. Nach ihrem bitteren Karriereende hat die 29-Jährigen abseits des Platzes neuen Mut geschöpft. Doch vielleicht führt sie die Sehnsucht nach dem Ball irgendwann als Trainerin zurück auf den Platz.

Allein schon optisch wird jedem schnell klar, dass Nadine Keßler die Seiten gewechselt hat. Statt im DFB-Dress auf dem grünen Rasen ist die 29-Jährige bei der EM in den Niederlanden nur im schwarzen Anzug auf der Tribüne zu sehen. "Den Trainingsanzug gibt es nicht mehr!", sagt Keßler und lacht. Nach ihrem offiziellen Karriereende im April 2016 arbeitete die gebürtige Pfälzerin zunächst als Botschafterin für die Sepp-Herberger-Stiftung und die UEFA. "Die Projekte haben mich geerdet und ich habe gemerkt, dass ich meinem Sport erhalten bleiben will. Wenn ich noch immer mit Fußball Menschen inspirieren kann, ist das genau der richtige Weg." Seit April ist Keßler hauptberuflich Beraterin der UEFA.

Die Europameisterschaft ist die erste große Bühne in der neuen Rolle. "Wir wollen die Plattform nutzen, um das Thema Frauenfußball nachhaltig zu pushen", erklärt sie. Deshalb trifft die ehemalige Weltklasse-Mittelfeldspielerin dieser Tage viele Vertreter der nationalen Verbände zu Meetings und Workshops. In jedem Land gebe es eine andere Situation und Kultur, auf die sie sich einstellen müsse. Mittlerweile hätten alle 55 Nationalverbände einen Entwicklungsplan für den Frauenfußball und die Entwicklung sei insgesamt positiv - sowohl in Sachen Spielerzahlen, als auch beim Interesse der Medien und Sponsoren. "Es steht sehr gut um den Frauenfußball in Europa, aber es geht noch viel besser."

Bewusst erst mal auf Abstand gegangen

Die Europameisterin von 2013 kämpfte zwei Jahre lang um ihr Comeback, ließ elf Knieoperationen über sich ergehen. Dann musste sie einsehen, dass "mein Körper einfach nicht mehr bereit dazu war". Es habe lange gedauert, bis sie sich damit abfinden konnte. "Ich bin bewusst erst mal einen Schritt vom Platz weggegangen und in eine neue Welt eingetaucht, um einen komplett anderen Input in mein Leben zu bekommen", betont die Weltfußballerin und Fußballerin Europas 2014, die zwar privat wieder ein bisschen Sport treiben, nicht aber gegen den Ball treten kann. Zu ihren Stärken gehört es nun, dass sie sich "aus Sicht einer Spielerin" mit der Entwicklung des Frauenfußballs auseinandersetzen kann. "Ich bin momentan weder zu nah dran noch zu weit weg", ist Keßler überzeugt.

Wenn sie dieser Tage die Spiele von der Tribüne aus verfolgt, merkt sie zugleich aber auch eines ganz deutlich: "Ich kann nicht leugnen, dass ich auch gern spielen würde. Fußballspielen ist der schönste Beruf der Welt." Ihrer Rolle als UEFA-Beraterin würde sie nicht gerecht, sagt Keßler, würde sie im Teamquartier der deutschen Mannschaft bei 's-Hertogenbosch oder nach dem Spiel in der Kabine vorbeischauen. Aber sie fiebert nach wie vor mit dem deutschen Team mit, für das sie selbst "nur" 39-mal auflaufen konnte.

Fußball

Nadine Keßlers Karriere in Bildern

Großes Lob für Marozsan und Jones

"Ich glaube, dass sich das Team von Spiel zu Spiel weiter steigern wird. Spielerisch geht da natürlich viel mehr", sagt Keßler, der trotz aller Neutralität auch schon mal ein "Wir" herausrutscht, wenn sie vom deutschen Team spricht. Eine ganz besondere Beziehung hat die ehemalige Kapitänin des VfL Wolfsburg zur DFB-Spielführerin Dzsenifer Marozsan: "Sie war mal mein Ballmädchen- und damals schon die Beste. Wir haben manchmal aufgehört, Fußball zu spielen, weil wir den Ballmädchen beim Jonglieren zugeguckt haben. Sie war damals schon so herausragend gut, dass man absolut sehen konnte, was das für eine Entwicklung nimmt." Durch den Wechsel im vergangenen Sommer nach Lyon, wo Marozsan prompt zur Fußballerin des Jahres in Frankreich gewählt wurde, aber auch durch die Binde am Arm habe die vier Jahre jüngere Spielmacherin eine "großartige Entwicklung" genommen und sei zu einer "Persönlichkeit auf dem Platz" geworden.

Überzeugt ist Keßler auch von Bundestrainerin Steffi Jones. Die arbeite "sehr hart und akribisch", sei "ein herausragender Typ". Fehlende Erfahrung als Cheftrainerin habe sie durch ein gut zusammengestelltes Team um sich herum aufgefangen. "Sie hat ein ganz klares Konzept ausgerarbeitet, ich habe es selbst gesehen, und es ist sehr beeindruckend, was sie langfristig mit dieser Mannschaft vorhat. Ich glaube, dass sie eine sehr erfolgreiche Trainerin werden kann."

Als Trainerin selbst zurück auf den Platz?

Und da schließt sich womöglich irgendwann mal der Kreis. Gibt es Nadine Keßler wirklich nie mehr im Trainingsanzug oder könnte aus dem Ex-Profi, den Silvia Neid nach dem Karriereende als "beeindruckende Persönlichkeit" und "Vorbild auf und neben dem Platz" geadelt hat, doch auch eine Trainerin werden? "Ich sage jetzt einfach mal ja", meint Keßler und lächelt. Sie hat im vergangenen Jahr zusammen mit Kim Kulig ihre Elite-Jugend-Lizenz gemacht. "Ich wollte herausfinden, ob das wirklich etwas für mich wäre. Und es hat super viel Spaß gemacht, ich durfte Jungs coachen. Ich war tatsächlich wieder inspiriert und mitten drin. Ich war das genaue Pendant zu mir als Spielerin."

Es klingt, als ob sich ein erneuter Seitenwechsel abzeichnet. Nicht jetzt, aber vielleicht "in ein, zwei, drei, vier, fünf Jahren". Wenn sie genügend Abstand zwischen sich und ihre Karriere als Spielerin gebracht hat, könnte sie sich gut vorstellen , "frisch und energiegeladen den Trainerbereich zu erkunden. Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit für mich."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | FIFA Frauen WM 2019 | 21.07.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 23.07.17 10:48 Uhr