Anja Mittag © imago/Bildbyran

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Anja Mittag: Neue Kraft dank alten Clubs

In ihrer Karriere hat Anja Mittag viele Erfolge gefeiert, aber auch Rückschläge wegstecken müssen. Nach zwei insgesamt unbefriedigenden Stationen in Paris und Wolfsburg ist die 32-Jährige in diesem Jahr nach Schweden zurückgekehrt - und offenbar genau rechtzeitig zur EM in den Niederlanden beim FC Rosengard wieder in Form gekommen.

Als Anja Mittag 2016 zum VfL Wolfsburg wechselte, war die Vorfreude riesig. "Ich freue mich sehr darüber, wieder in meiner Heimat Deutschland zu sein und besonders auf die neue Herausforderung", sagte die Torjägerin, die nach nur einem Jahr schon genug von Paris St. Germain hatte. Mit den Niedersächsinnen wollte sie "große sportliche Ziele erreichen". Gerade mal sieben Monate später war ihr Abschied nicht viel mehr als eine Randnotiz: "Anja kam mit dem Wunsch auf uns zu und wir haben uns auf die vorzeitige Auflösung des Vertrags geeinigt. Sportlich haben sich beide Seiten mehr versprochen", wurde VfL-Trainer Ralf Kellermann in einer Pressemitteilung zitiert.

Ruhig, zurückhaltend - und wieder treffsicher

Das war erst am 31. März. Doch seitdem ist viel passiert. Nach wenig Einsatzzeiten in Wolfsburg, ist Mittag beim FC Rosengard sofort durchgestartet. In Malmö hat die 32-Jährige alle neun Ligaspiele absolviert und drei Treffer erzielt. Der Schritt zurück zu ihrem Ex-Club, bei dem sie schon von 2012 bis 2015 unter Vertrag stand, war offenbar genau der richtige und mit Blick auf die EM einer nach vorn. Auch wenn Steffi Jones eigentlich nicht auf ihre erfahrenste Spielerin im Kader - Mittag hat die 150-Spiele- und die 50-Tore-Marke geknackt - verzichten kann, für eine Stürmerin außer Form hätte auch die Bundestrainerin nur wenig Verwendung gehabt.

Sie auf ihre Tore zu reduzieren, würde dem erfahrenen Profi aber nicht gerecht. Schon Kellermann hatte Mittag als "absolute Führungsspielerin, die der Mannschaft auch menschlich weiterhelfen wird", gelobt. Die gebürtige Chemnitzerin ist ein ruhiger, zurückhaltender Typ - und agiert auf dem Platz trotz ihrer eigenen Qualitäten im Abschluss oft sehr uneigennützig. Sie selbst formulierte ihre Rolle im Team einmal so: "Ich bin nicht der geborene Kapitän, der die Mannschaft mit tollen Ansprachen zusammenhält. Dafür habe ich andere Qualitäten."

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Anja Mittag: Torjägerin und Titelsammlerin

"Nur die Zukunft kann man beeinflussen"

Dazu gehört auch ihre Fähigkeit, alte Zöpfe abzuschneiden: "Die Zukunft kann man beeinflussen, die Vergangenheit nicht." Was klingt wie der Spruch aus einem Glückskeks, hat Mittag mit Leben gefüllt. Dank dieser Einstellung hat sie schon eine schwerer wiegende Krise gemeistert. Den bittersten Moment ihrer damals schon nicht mehr jungen Karriere erlebte die Angreiferin 2011. Nach lediglich sechs Minuten Einsatzzeit vier Jahre zuvor hatte Mittag auf die WM im eigenen Land gehofft. Doch die damals 26-Jährige ahnte schon in der Vorbereitung, dass sie gar nicht dabei sein würde. Ihre Leistungen stagnierten, sie kam nicht rechtzeitig in Form. Das WM-Aus war beinahe eine logische Folge. "Im ersten Moment hatte ich die Nase voll vom Fußballspielen und habe sogar überlegt, in der Nationalmannschaft aufzuhören", erinnert sie sich.

Abschied von Potsdam war der Schlüssel

Steckbrief

Als Schlüssel erwies sich schon damals ein Abschied. In Potsdam, wo sie mit einer kurzen Unterbrechung fast zehn Jahre das Trikot der "Torbienen" getragen hatte, vermisste Mittag die Wertschätzung des Trainers - trotz ihrer eindrucksvollen Bilanz von 116 Toren in 162 Einsätzen, fünf Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiegen sowie je einem Erfolg in UEFA-Cup und Champions League. Ein halbes Jahr später wechselte sie zu LdB Malmö nach Schweden. "Die Luftveränderung hat mir gut getan. Ich konnte etwas Neues machen, mich hat keiner gekannt in der Liga, und ich konnte befreit aufspielen", sagt sie über die beste Entscheidung ihres Lebens. "Ich habe die Sprache gelernt, schnell Freunde gefunden und bin angekommen in der Mannschaft, in der Stadt, im Land."

Fußballmärchen in der Wahlheimat

Mit dem Klub, der Ende 2013 in FC Rosengard umbenannt wurde, gewann sie in dreieinhalb Jahren zwei Meistertitel und wurde zweimal Torschützenkönigin. Bevor sie kurz vor der WM in Kanada ihren Wechsel nach Paris bekannt gab, hatte sie in 93 Spielen für Rosengard sagenhafte 74 Tore erzielt. Ihre Mitspielerinnen trugen sie nach ihrem letzten Spiel gegen Kristianstads DFF (7:0) auf Händen. Bundestrainerin Silvia Neid holte Mittag zur EM 2013 in Schweden zurück - und es war wie in einem Fußballmärchen, als sie im Endspiel in Stockholm gegen Norwegen nach der Pause eingewechselt wurde und drei Minuten später das 1:0 erzielte - das Goldene Tor. Großen Anteil hatte Mittag auch am Olympia-Sieg in Rio.

Mit der Goldmedaille ist ihre Titelsammlung komplett - und in Malmö, wo sie zunächst nur einen Jahresvertrag unterschrieb, hat die Chemnitzerin ihren Frieden gefunden. Kurz vor der EM verlängerte die Olympiasiegerin ihren Kontrakt bis 2019: "Ich bin sehr glücklich. Malmö ist mein Zuhause, und ich möchte mit dem Verein viel erreichen." Der alte Club gibt Mittag neue Kraft.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | UEFA-Frauen-EM | 17.07.2017 | 17:40 Uhr

Stand: 27.06.17 16:12 Uhr