Die deutschen Fußballerinnen bejubeln den EM-Sieg © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Bilanz

Wenn eine Krabbelgruppe das Laufen lernt

Hanno Bode, sportschau.de

Deutschland stellte das jüngste aller EM-Teams. Die Mannschaft kämpfte mit Widrigkeiten, die Trainerin stand in der Kritik. Am Ende eines steinigen Wegs schlug dennoch der Titel zu Buche.

Die norwegische Tageszeitung "Verdens Gang" brachte es am Tag nach der unglücklichen 0:1-Niederlage der Frauennationalmannschaft im EM-Finale auf den Punkt: "Deutschland wirkt wie eine Nation, die man nicht schlagen kann." Das Blatt hätte alternativ auch den legendären Satz des früheren englischen Nationalspielers Gary Lineker bemühen können, um die Dominanz der DFB-Auswahl bei kontinentalen Titelkämpfen seit 1995 auszudrücken: "Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten, die rumlaufen, und am Ende gewinnt immer Deutschland." Nach dem sechsten Europameisterschaftssieg der Mannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid in Folge macht sich so etwas wie Resignation bei der Konkurrenz breit, die sich doch vor Beginn der Endrunde mindestens auf Augenhöhe mit dem Rekordchampion gesehen hatte. Mehr noch. Allen voran Gastgeber Schweden, Frankreich und auch England planten den Sturz des Favoriten, der sich selbst ob sechs verletzungsbedingter Ausfälle gar nicht als diesen definierte. Doch dann kam die deutsche "Krabbelgruppe" (Durchschnittsalter: 23,5 Jahre) nach anfänglichen Stolpereien auf die Beine. "Am Ende war alles wie immer. Ein großer Haufen von jubelnden deutschen Spielern nach einem weiteren Finalsieg", schrieb die die schwedische Zeitung "Dagens Nyheter" über den neuerlichen Erfolg des Seriensiegers. So selbstverständlich aber, wie dieses und weitere Blätter den Triumph ansehen, war er keineswegs. In Anbetracht der Widrigkeiten, mit denen die DFB-Auswahl zu kämpfen hatte, fällt der Sieg in die Rubrik "überraschend".

Noten

Die Europameisterinnen in der Einzelkritik

Schwieriger Start - Neid in der Kritik

Neid war für die "Mission Titelverteidigung" ein hohes Risiko eingegangen. Statt die sechs ausgefallenen Stammkräfte durch andere erfahrene Akteurinnen zu ersetzen, berief die 49-Jährige talentierte Nachwuchsspielerinnen in den Kader, die zu Beginn der EM-Vorbereitung teilweise noch ohne jeden Länderspieleinsatz waren. Die Ergebnisse in den Tests - unter anderem ein 4:2 gegen Japan - nährten zwar die Hoffnung auf ein gutes Abschneiden in Schweden. Dennoch stand die Reise nach Nordeuropa unter der Überschrift "Jugend forscht". Zunächst erfolglos. Im ersten Gruppenspiel gegen die Niederlande trat das DFB-Team nicht wie ein Titelverteidiger, sondern ein EM-Novize auf: mutlos, verängstigt, inspirationslos. Weil Keeperin Nadine Angerer anders als viele ihrer Mannschaftskameradinnen bereits in Bestform war und Innenverteidigerin Sandra Bartusiak in letzter Sekunde einen Konter der "Oranje"-Auswahl sensationell unterband, schlug am Ende ein glückliches 0:0 zu Buche. Zweifel am Team und erste Kritik an Neid kamen auf. Bernd Schröder, Coach von Turbine Potsdam und der Bundestrainerin seit Jahren nicht wohlgesonnen, regte öffentlich an, bei einem frühen Aus doch einmal über die Position der 49-Jährigen nachzudenken. Neid zeigte sich äußerlich unbeeindruckt. Sowohl der schwache Premierenauftritt als auch die anschließenden Störfeuer brachten sie nicht aus der Ruhe. Sie sei gelassener geworden als noch 2011 während der Heim-Weltmeisterschaft, erklärte die Übungsleiterin später. "Das tut mir und auch der Mannschaft gut."

Aussprache bringt die Wende

Deutschlands Annike Krahn (r.) beim Zweikampf mit Schwedens Kosovare Asllani © imago/Kamerapress Fotograf: Kamerapress

Im Semifinale gegen Schweden zeigte das DFB-Team seine beste Turnierleistung.

In der Öffentlichkeit hinterließ die 49-Jährige während der Gruppenphase allerdings ein anderes Bild. Lobte sie die Mannschaft nach dem 3:0 gegen Island noch überschwänglich, ging sie mit ihren jungen Spielerinnen nach dem 0:1 gegen die B-Elf von Norwegen hart ins Gericht. Eine "Neid-Debatte" entstand in Deutschland. Angefeuert von Dauerkritiker Schröder, diskutiert von etlichen Medien und Fachleuten. Und auch im Team rumorte es. Nach der Norwegen-Partie wurde Tacheles geredet, berichtete Angerer später. Bei den Youngstern habe es da "klick gemacht". Die Aussprache fruchtete tatsächlich. Im Viertelfinale gegen Italien (1:0) präsentierte sich eine geschlossen auftretende Elf dem Publikum, im Vorschlussrunden-Duell mit Schweden (1:0) wusste die DFB-Auswahl auch spielerisch zu überzeugen. Die Basis dieser Erfolge war jeweils eine gute Abwehrarbeit. In Angerer, den beiden starken Innenverteidigerinnen Bartusiak und Annike Krahn stand Neid in diesem Mannschaftsteil auch am meisten Erfahrung zur Verfügung. Hinten routiniert, davor lauf- und kampfstark: So fand Deutschland den Weg ins Finale. Die Riege der EM-Debütantinnen um Leonie Maier und Lena Lotzen wuchs zudem mit ihren Aufgaben, weil Neid den Youngstern trotz erfahrenerer Alternativen (Melanie Behringer und Fatmire Bajramaj) das Vertrauen schenkte. Das ist vielleicht das größte Verdienst der Bundestrainerin bei dieser Endrunde.

Angerer sportlich und menschlich unersetzlich

Den größten Anteil am sechsten EM-Sieg in Folge hatte jedoch fraglos Angerer. Die Leistung der 34-Jährigen in Schweden ist ähnlich hoch anzusiedeln wie bei der Weltmeisterschaft 2007 in China, als sie ohne Gegentor blieb. Die zwei gehaltenen Strafstöße im Finale gegen Norwegen untermauerten dabei noch einmal eindrucksvoll ihren sportlichen Wert für die Mannschaft. Menschlich dürfte die zukünftige Australien-Legionärin nicht minder wichtig für diese zusammengewürfelte Auswahl gewesen sein, in der Charakterköpfe mit wenigen Ausnahmen ansonsten eher rar sind. Trotz ihrer bereits 34 Jahre und des Umzugs nach Down Under wird Angerer ihre Nationalmannschaftslaufbahn mindestens bis zur WM 2015 in Kanada fortsetzen. Das ist ein Segen für das DFB-Team und ein Fluch für die europäische Konkurrenz, die so womöglich weiter nur "neidvoll" auf die deutschen Trophäensammlerinnen blicken kann.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 28.07.2013, 15.20 Uhr

Stand: 29.07.13 16:02 Uhr