Die deutsche Fußball-Nationalspielerin Melanie Leupolz © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Deutsches Team

Reifeprüfung bestanden: "Das sind tolle Menschen"

Hanno Bode, sportschau.de

Deutschland hat den sechsten EM-Titel in Folge vor Augen. Dabei hat der 1:0-Erfolg in der Vorschlussrunde gegen Gastgeber Schweden gezeigt, dass die junge Mannnschaft während des Turnierverlaufs gelernt hat und zusammengewachsen ist. Die Reifeprüfung ist bestanden. Nun soll am Sonntag im Endspiel (28.07.13/16 Uhr, Live im Ersten und hier im Live-Ticker bei sportschau.de) gegen Norwegen im Königreich die Krönung folgen.

Die deutschen Fußballerinnen hatten vor dem EM-Semifinale gegen Schweden Bilder auf ihre Spinde in der Kabine des Göteborger Gamla-Ullevi-Stadions geklebt. Über dem roten Schrank von Jennifer Cramer hing ein Foto von ihr aus dem Gruppenspiel gegen die Niederlande (0:0), darunter die Aufschrift: "Unser Ruhepol". Cramer ist 20 Jahre alt. Vor dem Duell mit den Gastgeberinnen hatte sie acht Länderspiele absolviert. Es ist ihre erste Europameisterschaft. Man ist versucht, so eine junge und unerfahrene Akteurin als "Küken", "Youngster" oder "Nachwuchshoffnung" zu bezeichnen. Aber als "Ruhepol"? Doch Cramer, die Mittelfeldspielerin von Turbine Potsdam, die im DFB-Team als Linksverteidigerin aufläuft, betreibt keinen Etikettenschwindel. Erstaunlich abgeklärt und unaufgeregt, ja beinahe schon abgezockt, erledigt die 20-Jährige ihre Aufgaben. Die gebürtige Hessin steht stellvertretend für die junge, fußballerisch und taktisch ausgebildete Garde in der deutschen Mannschaft, die durch den 1:0-Erfolg gegen Schweden endgültig ihre Reifeprüfung bestanden hat. "Das sind einfach tolle Menschen, die können fußballspielen, die haben Ziele, sind intelligent, wir haben wirklich sehr viel Spaß miteinander", lobte Bundestrainerin Silvia Neid ihre junge Auswahl (Durchschnittsalter: 23,5 Jahre).

Marozsan: "Unbeschreibliches Gefühl"

Dzsenifer Marozsan (l.) jubelt. © imago/Kamerapress Fotograf: imago/Kamerapress

Dzsenifer Marozsan (M.) traf zum Sieg gegen Schweden.

Die 49-Jährige hatte gegen die Gastgeberinnen in Leonie Maier, Cramer, Lena Lotzen und Dzsenifer Marozsan vier EM-Debütantinnen in die Startelf berufen. Später wechselte sie in Melanie Leupolz eine weitere Spielerin ein, die erstmals an einer Europameisterschaft teilnimmt. Maier und Cramer überzeugten dabei als moderne Außenverteidigerinnen, Lotzen sorgte für Druck über die Flügel und Marozsan war Ideengeberin im Mittelfeld sowie Schützin des goldenen Treffers. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl. So ein Tor habe ich noch nie geschossen. Deshalb bin ich auch sehr spät eingeschlafen. Die Emotionen waren hoch, die Szene noch im Kopf", sagte die gebürtige Ungarin am Tag nach dem Triumph. Vor der Partie hatte das 21 Jahre Ausnahmetalent vom FFC Frankfurt noch als kleiner Problemfall gegolten, weil sie bis dato ihr riesiges Potenzial nicht ausreichend abrufen konnte. Ein Gespräch mit Neid half ihr offenbar, mentale Blockaden zu lösen. "Ich habe zu 'Dzseni' gesagt, dass sie so weitermachen soll, wie sie gegen Italien aufgehört hat, dann werden die Schwedinnen Probleme bekommen", erklärte die Bundestrainerin.

Norwegen-Pleite als Schlüsselerlebnis?

Jubel bei Bundestrainerin Silvia Neid (M.) und den deutschen Fußballerinnen © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Erneut der große Rückhalt: Keeperin Nadine Angerer (r.).

Für die 49-Jährige war der erkämpfte 1:0-Erfolg im Viertelfinale gegen die "Azzurre"ausschlaggebend für die tolle Leistung der Elf gegen die Gastgeberinnen. "Nach dem Italien-Spiel ist den jungen Spielerinnen ein Stein vom Herzen gefallen. Das hat man heute gesehen", sagte Neid. Keeperin Nadine Angerer - erneut der große Rückhalt des Teams - hatte bereits im Anschluss an die 0:1-Niederlage gegen Norwegen in der Gruppenphase eine Wandlung bei Lotzen und Co. erkannt: "Nach dem Spiel sind klare Worte innerhalb der Mannschaft gefallen. Bei den jüngeren Spielerinnen ist der Schalter umgelegt worden." Welche Dinge im Detail besprochen wurden, verriet die 34 Jahre alte Kapitänin nicht. Es gäbe jetzt kein "Larifari" mehr, ergänzte Angerer immerhin noch vielsagend. Offenbar - so ist diese Aussage zu deuten -, mangelte es einigen Akteurinnen zu Beginn der Endrunde an der nötigen Ernsthaftigkeit und Einstellung. Fakt ist: Das ganze Team tritt in der K.o.-Phase konzentrierter und entschlossener auf, als dies zuvor mit Ausnahme der Island-Partie (3:0) der Fall war.

Was wird aus Bresonik und Co?

Gegen Schweden konnte Neid dabei nicht einmal die ihr nach den sechs verletzungsbedingten Ausfällen noch zur Verfügung stehende Bestbesetzung aufs Feld schicken. InCelia Okoyino da Mbabi(Oberschenkel-Zerrung) musste die erfolgreichste deutsche Angreiferin passen. Das Team kompensierte den Ausfall der Torjägerin überraschend problemlos. Für andere arrivierte Kräfte ist trotz des Fehlens von sechs Stammspielerinnen kein Platz mehr in der Startelf. Melanie Behringer und Fatmire Bajramaj sind mehr oder minder "EM-Touristinnen", kamen jeweils erst zu einem Kurzeinsatz. Die erfahrenen Akteurinnen waren als Hoffnungsträgerinnen mit nach Schweden gereist. Doch in Neids Nominierungskriterien spielen frühere Verdienste keine Rolle. Es gilt einzig und allein das Leistungsprinzip. Und so ist es ungewiss, ob die verletzten Babett Peter, Verena Faißt, Viola Odebrecht, Alexandra Popp, Linda Bresonik und Kim Kulig nach ihrer Genesung wieder eine tragende Rolle beim Rekordeuropameister spielen werden. "Es ist doch toll, wenn sechs gute Spielerinnen ins Team zurückkehren. Aber darüber mache ich mir im Moment keine Gedanken", sagte Neid. Stattdessen gehört die Aufmerksamkeit und das Interesse der Bundestrainerin derzeit ihrer "U23", wie sie das aus der Not heraus geborene Aufgebot gerne bezeichnet: "Ich bin mir sicher, die Spielerinnen werden alle ihren Weg gehen. Diese Mannschaft hat Perspektive."

Stand: 25.07.13 12:41 Uhr

EM-Endspiele

DFB-Team verlor noch kein Finale

Alle EM-Endspiele:
1984 in Göteborg/Luton: Schweden - England 1:0/4:3 i.E. (0:1)
1987 in Oslo: Norwegen - Schweden 2:1
1989 in Osnabrück: Deutschland - Norwegen 4:1
1991 in Aalborg: Deutschland - Norwegen 3:1 n.V.
1993 in Cesena: Norwegen - Italien 1:0
1995 in Kaiserslautern: Deutschland - Schweden 3:2
1997 in Oslo: Deutschland - Italien 2:0
2001 in Ulm: Deutschland - Schweden 1:0 nach Golden Goal
2005 in Blackburn: Deutschland - Norwegen 3:1
2009 in Helsinki: Deutschland - England 6:2
2013 in Solna: Deutschland - Norwegen 1:0