Dzsenifer Marozsan (2.v.l.) jubelt. © imago/Kamerapress Fotograf: imago/Kamerapress

Deutsches Team

DFB-Team greift nach achtem Titel - Schweden trauert

Ines Bellinger, sportschau.de

Titelverteidiger Deutschland steht überraschend im Finale, die schwedischen Gastgeberinnen sind beim Showdown ihrer Heim-EM nur noch Zaungäste. Dzsenifer Marozsan schoss das DFB-Team ins Endspiel.

Nadine Angerer & Co. führten wilde Freudentänze auf, Lotta Schelin und ihre Kolleginnen saßen mit hängenden Köpfen im Mittelkreis: Die deutschen Fußballerinnen haben alle Kritiker eines Besseren belehrt und sind nach ihrer besten Turnierleistung zum sechsten Mal in Folge in ein EM-Endspiel eingezogen. Der Titelverteidiger besiegte den favorisierten Gastgeber Schweden am Mittwochabend vor 16.608 Zuschauern im ausverkauften Gamla-Ullevi-Stadion in Göteborg mit 1:0 (1:0). Spielmacherin Dzsenifer Marozsan erzielte das entscheidende Tor (33.) und rechtfertigte mit einer ganz starken Vorstellung das Vertrauen, das Bundestrainerin Silvia Neid in sie gesetzt hatte. Während das hochgehandelte Schweden bei seiner Heim-EM nun zum Zuschauen verurteilt ist und weiter auf den zweiten großen Titel nach dem EM-Sieg 1984 warten muss, treffen die DFB-Frauen im Finale am Sonntag (28.07.13/16 Uhr live im Ersten und im Social TV und Live-Ticker hier bei sportschau.de) in Solna entweder auf den zweimaligen Europameister Norwegen oder Dänemark. Beide Teams stehen sich im zweiten Halbfinale heute Abend (25.07.13/20.30 Uhr im Live-Ticker hier bei sportschau.de) in Norrköping gegenüber.

Angerer: "Die Mannschaft war saugeil"

"Die Mannschaft war saugeil heute. Man hat gesehen, dass wir den Sieg richtig wollten", sagte Kapitän Angerer, die sich in der Schlussphase als Fels in der Brandung erwiesen hatte. "Wenn wir aus einem aktiven Mittelfeldpressing heraus spielen, dann sind wir richtig stark, und das haben wir heute gezeigt." Torschützin Marozsan reagierte so cool, als stünde sie alle halbe Jahre in einem Finale. "Das war ein Fifty-Fity-Ball, ich dachte mir, entweder du grätschst jetzt rein oder du lässt es bleiben", sagte die 21-Jährige. "Kompliment an die Mannschaft, die haben bis zur letzten Sekunde gekämpft." Neid sprach ihren jungen Spielerinnen ebenfalls ein großes Lob aus: "Sie wollten Schweden unbedingt aus dem Turnier werfen und haben mit Leidenschaft dafür gekämpft", sagte die 49-Jährige, die nach Deutschlands Niederlage im WM-Viertelfinale vor zwei Jahren genau wusste, wie ihrer Kollegin Pia Sundhage in dem Moment zumute war: "Pia tut mir ein bisschen leid", sagte sie, "weil sie auch eine super Mannschaft hat und das Spiel eigentlich ausgeglichen war." Sundhage zeigte auch in der Niederlage Größe: "Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben", sagte sie. "Dieses Team wird noch von sich reden machen."

Okoyino da Mbabi muss passen

Anja Mittag (l.) schießt aufs Tor. © dpa-bildfunk Fotograf: Bjorn Larsson Rosvall

Anja Mittag (l.) spielte für Celia Okoyino da Mbabi in der Spitze.

Nach dem Ausfall von insgesamt sechs Stammspielerinnen schon vor der Endrunde musste das im Durchschnitt nur 23,5 Jahre alte DFB-Team vor dem Halbfinale einen weiteren schweren Schlag verkraften. Celia Okoyino da Mbabi, die sich beim 1:0 im Viertelfinale gegen Italien eine Oberschenkelzerrung zugezogen hatte, wurde nicht rechtzeitig fit. Für sie beorderte Neid Spielmacherin Marozsan zurück in die Startelf. Die für Malmö stürmende Anja Mittag sollte in der Spitze für möglichst viel Unruhe in der schwedischen Deckung sorgen. Sundhage änderte ihr Team ebenfalls auf einer Position. Mit Antonia Göransson spielte sie die "deutsche" Karte. Die 22-Jährige von Turbine Potsdam ersetzte Sofia Jakobsson im linken Mittelfeld.

Deutsches Team

Finale! - DFB-Frauen wachsen über sich hinaus

Schweden mit viel Platz über rechts

Die in ihren schwarzen Auswärtstrikots spielenden DFB-Frauen übernahmen in einem intensiven Spiel überraschend sofort die Initiative. Marozsan war zunächst an fast allen torgefährlichen Aktionen beteiligt. Schon in der zehnten Minute hätte sie das deutsche Team in Führung bringen müssen, doch nach einer Flanke von Simone Laudehr von der linken Seite stieg sie etwas zu früh zum Kopfball hoch und konnte den Ball nicht aufs Tor drücken. Vier Minuten später spielte erneut Laudehr einen Flachpass in die Mitte, doch Marozsan war einen Tick zu langsam und die schwedische Torhüterin Kristin Hammarström vor ihr am Ball. Die schwedischen Spielerinnen inszenierten ihre schnellen Gegenstöße vor allem über den rechten Flügel, wo Laudehr und Linksverteidigerin Jennifer Cramer den schnellen Schelin und Josefine Öqvist zu viel Freiraum ließen. Beinahe wäre das ins Auge gegangen, doch sowohl Schelin (16.) als auch Öqvist (21.) verfehlten das Tor knapp.

Marozsan schießt erstes EM-Tor

Nilla Fischer (l.) gegen Dzsenifer Marozsan © imago/ Jan Huebner Fotograf: imago/ Jan Huebner

Dzsenifer Marozsan (r.) zeigte gegen Schweden ihr bestes Spiel.

Ein ganzes Stadion sehnte ein Tor der Gastgeberinnen herbei, doch die deutschen Spielerinnen ließen sich nicht beeindrucken von der akustischen Übermacht und setzten weiter ihre Nadelstiche. Und sie taten den Schwedinnen jetzt richtig weh. Marozsan wurde nach einer schönen Kombination über Nadine Keßler und Mittag in Szene gesetzt, ließ sich von Charlotte Rohlin nicht abdrängen und stocherte im Fallen den Ball an Keeperin Hammarström vorbei. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Ball über die Linie trudelte und die 21-Jährige sicher sein konnte, dass sie mit ihrem siebten Länderspieltor und ihrem ersten EM-Treffer ihre Mannschaft in Führung gebracht hatte (33.). Es hätte nicht beim 1:0-Pausenstand bleiben müssen. Doch Hammarström lenkte einen Kopfball-Aufsetzer von Laudehr nach Marozsan-Ecke an den Pfosten (41.).

Schelin-Treffer wird nicht anerkannt

Erstmals seit dem Eröffnungsspiel gegen Dänemark (1:1) lagen die Gastgeberinnen zurück - und erstmals im Turnier gingen sie sogar mit einem Rückstand in die Pause. Es war klar, was auf die deutsche Defensive, die bislang nur ein Gegentor kassiert hatte, in der zweiten Halbzeit zukommen würde. Einen Vorgeschmack lieferten Öqvist und Schelin kurz nach Wiederanpfiff, doch die Stürmerin von Olympique Lyon, mit fünf EM-Treffern auf dem Weg zur Torschützenkönigin, wurde im letzten Moment von der umsichtigen deutschen Abwehrchefin Saskia Bartusiak abgeblockt. Die deutsche Mannschaft spielte weiter ihr kraftraubendes Mittelfeldpressing, doch Schweden wurde nun immer stärker. Nach einer guten Stunde lagen sich die schwedischen Zuschauer nach einem Konter über Schelin schon jubelnd in den Armen, doch das Tor wurde nicht gegeben, weil die Starstürmerin Annike Krahn zuvor mit einem Schubser aus dem Weg geräumt hatte (63.).

Öqvist steht der Pfosten im Weg

Josefine Öqvist (l.) gegen Lena Goeßling © imago/Kamerapress Fotograf: imago/Kamerapress

Josefine Öqvist (l.) war die gefährlichste Schwedin.

Der Ausgleich schien nun nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch nun stand dem aufopferungsvoll kämpfenden DFB-Team auch das Glück zur Seite. Bei einem Schuss von Öqvist aus spitzen Winkel rettete der lange Pfosten für die geschlagene Angerer (69.), einen Versuch von Kosovare Asllani aus Nahdistanz wehrte die deutsche Spielführerin ab (73.). Sieben Minute vor dem Ende klärte sie noch mit einer Fußabwehr vor dem Strafraum gegen Schelin (83.). Am Ende blieb alles so, wie es meistens zwischen Deutschland und Schweden war: Die Skandinavierinnen haben fast alle großen Spiele gegen den Dauerrivalen verloren, nach dem WM-Finale 2003 und dem EM-Finale 2001 nun auch das Halbfinale bei der EM im eigenen Land. Die DFB-Frauen indes können am Sonntag zum achten Mal Europameister werden.

Stand: 25.07.13 00:20 Uhr