Frust bei der deutschen Fußballnationalspielerin Leonie Maier © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Deutsches Team

DFB-Team: Die Suche nach der richtigen Balance

Hanno Bode, sportschau.de

Das deutsche Team ist auf europäischer Bühne nicht mehr unverwundbar. Nach 20 Jahren hat der Rekordeuropameister bei kontinentalen Titelkämpfen wieder eine Niederlage hinnehmen müssen. Das 0:1 gegen die B-Elf von Norwegen warf dabei viele Fragen auf. Unter anderem die, ob Bundestrainerin Silvia Neid den richtigen Ton bei der jungen Mannschaft trifft.

Im Vorfeld des deutschen Gruppenspiels gegen Island hat ein Journalist Silvia Neid zu einem bei ihr eher seltenen Gefühlsausbruch gebracht. Der Mann fragte die Bundestrainerin, ob die vielen knappen Spielausgänge bei der Endrunde in Schweden darauf gründen könnten, dass die Weltspitze im Frauenfußball näher zusammengerückt ist. Neid klopfte spontan mit der Hand auf den Tisch, freute sich über die "endlich einmal gute Frage" und beantwortete sie mit "ja". Es schien in diesem Moment so, als sei in der 49-Jährigen bereits seit geraumer Zeit das Bedürfnis gewachsen, in aller Deutlichkeit mitzuteilen, dass deutsche Erfolge keine Selbstverständlichkeit mehr sind. Tatsächlich hat das zwei Jahrzehnte lang in Europa dominierende DFB-Team nun den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüßt. Hatte der Rekordeuropameister zum EM-Auftakt gegen die Niederlande (0:0) noch mit viel Fortune und einer starken Keeperin Nadine Angerer eine (eigentlich verdiente) Pleite verhindern können, kassierte es nun mit dem0:1 gegen Norwegen die erste Niederlage bei kontinentalen Titelkämpfen seit dem 3. Juli 1993. Damals unterlag Deutschland bei der EM in Italien im kleinen Finale Dänemark 1:3.

Neid: "Aufbauen müssen sie sich selbst"

Neid, die seinerzeit noch als Spielerin auf dem Feld stand, reagierte äußerst dünnhäutig auf die historische Pleite. Es sei ihr egal, alles ginge mal zu Ende, erklärte die Bundestrainerin lapidar, bevor sie mit ihrer Mannschaft hart ins Gericht ging. "Das war eigentlich nie so, dass man sagen kann: 'Ja, das war jetzt mal genau richtig, da hat alles gepasst'", kritisierte Neid. Die 49-Jährige schien beinahe beleidigt zu sein vom plan- und teilweise auch leidenschaftslosen Auftritt ihrer Mannschaft gegen die B-Elf Norwegens. Streicheleinheiten für das verunsicherte Team wird es von der Übungsleiterin jedenfalls offenbar nicht geben. "Aufbauen müssen sie sich dann irgendwo auch selbst. Wir sind ja immerhin bei einer Europameisterschaft. Und da muss man gucken, dass man das eben so schnell wie möglich abhakt und dann im nächsten Spiel - das ist ja immerhin das Viertelfinale - in der richtigen Balance ist - körperlich und mental", sagte Neid. Es bedarf keines abgeschlossenen Psychologie-Studiums, um aus den Worten der Trainerin zu schließen, dass die eine oder andere Spielerin offenbar mit der Psyche zu kämpfen hat. Die Erwartungshaltung an die junge Mannschaft (Durchschnittsalter: 23,5 Jahre) ist trotz der Ausfälle von sechs Stammkräften groß, der Druck dementsprechend auch. Wäre hier nicht Milde und Einfühlungsvermögen das (einzig) richtige Rezept, um die Wunden zu heilen? Stattdessen droht offenbar eine "Eiszeit" zwischen Neid und der Mannnschaft, wenn die 49-Jährige weiter so unversöhnlich bleibt.

Angerer und Co. selbstkritisch

Dabei mangelt es ihren Spielerinnen ja keineswegs an der nötigen Selbstkritik und Selbstreflektion. Niemand suchte im Anschluss an eine ernüchternde Begegnung nach Ausreden. Ganz im Gegenteil: Das Urteil über den Auftritt fiel übereinstimmend vernichtend aus. "Wir sind sehr, sehr schwer ins Spiel gekommen. Eigentlich die ganzen 90 Minuten nicht wirklich. Norwegen hatte es heute einfach gegen uns. Das muss deutlich besser werden, sonst können wir gleich heimfahren nach dem Viertelfinale", meinte Melanie Behringer. Kapitänin Angerer sah ebenfalls ein "ganz schlechtes Spiel von uns" und appellierte an ihre Mannschaftskameradinnen: "Jetzt müssen wir beweisen, dass wir uns nicht nur außerhalb des Platzes gut verstehen. Wir müssen jetzt Charakter zeigen." Die nächste Chance, die nach den bisher so wechselhaften EM-Auftritten steigende Zahl von Kritikern eines Besseren zu belehren, bietet sich dem Titelverteidiger am Sonntag (21.07.13/18 Uhr live im Ersten und hier bei sportschau.de) im Viertelfinale gegen Italien. Was ihre in Schweden bis dato sehr artig auftretende Mannschaft gegen die Südeuropäerinnen erwartet, weiß Neid nur allzu genau: "Wir müssen auf die eine oder andere Schubserei und Verbal-Attacke gefasst sein." Womöglich hat die Bundestrainerin aus diesem Grund schon einmal die Tonart geändert.

Stand: 18.07.13 13:20 Uhr