Deutschlands Torhüterin Nadine Angerer (l.) hält einen Elfmeter. © dpa - Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen

Tor

Nadine Angerer: Der etwas andere Lebensentwurf

Sie ist unangepasst, lässig - und die beste Torfrau der Welt. Als Kapitän hat sie die deutschen Fußballerinnen zum achten EM-Titel geführt. Im Finale hielt sie zwei Elfmeter.

Intuitiv, chaotisch, ein bisschen verpeilt und vor allem lässig: Nadine Marejke Angerer, die alle nur "Natze" nennen, gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten in der DFB-Auswahl. Die Torfrau, die sich nur selten von ihrer Kopfbedeckung trennt, ist mit 34 Jahren die älteste deutsche Nationalspielerin, aber immer noch die Nummer eins.

Eine lange Geduldsprobe

Mehr als zehn Jahre hat die gebürtige Unterfränkin, die sich einst per Los zwischen Handball und Fußball entschied, auf ihre Chance warten müssen. Zwar feierte sie schon mit 17 Jahren ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft und sammelte die Titel reihenweise ein, doch sowohl beim WM-Gewinn 2003 als auch bei den EM-Siegen 1997, 2001 und 2005 kam sie nicht eine Minute zum Einsatz. Erst als sich Stammtorhüterin Silke Rottenberg Anfang 2007 einen Kreuzbandriss zuzog, rückte Angerer nach - und wie.

Novum in China: WM ohne Gegentor

Die Frau, die zu Beginn ihrer Karriere als trainingsfaul und undiszipliniert galt, aber jedes Gegentor als persönliche Niederlage ansieht, hielt ihren Kasten während des gesamten Turniers in China sauber. Das hatte bei einer WM zuvor noch niemand geschafft. Natürlich wurde die Weltmeisterin auch zur besten Torhüterin des Turniers gekürt und als WM-Heldin gefeiert. Ein Status, der ihr nicht behagte: "Eine Heldin war und bin ich nicht. Es ist mir sehr unangenehm, mich selbst zu feiern." Kaum aus China zurück, hetzte Angerer von Termin zu Termin. Sie war erschöpft, und das ließ ihr Körper sie spüren: Wegen einer Lungenentzündung, eines Magen- und Darminfektes sowie einer Medikamentenallergie musste sie acht Wochen pausieren.

Intermezzo bei Djurgarden Stockholm

Ende 2007 kehrte Angerer Turbine Potsdam nach sechs Jahren den Rücken und schloss sich Djurgarden Stockholm an. "Ein klasse Verein, bei dem ich ein wunderbares Jahr erleben durfte", sagt sie über ihre Zeit in Schweden. Nach ihrer Rückkehr hatte die unternehmungslustige Keeperin lukrative Angebote aus den USA. Sie schlug sie aus, denn sie wollte vor der Heim-WM auch bei einem deutschen Club spielen. Und so schloss sie sich Anfang 2009 dem 1. FFC Frankfurt an, im gleichen Jahr holte sie ihren ersten "richtigen" EM-Titel - als Nummer eins.

Ihr Outing sorgte für Schlagzeilen

Die deutsche Fußball-Nationalspielerin Nadine Angerer © picture alliance/ZB Fotograf: Thomas Eisenhuth

Im Tor ist sie eine Bank, privat mag sie es "etwas anders".

Vor der WM 2011 war Angerer dann eine der gefragtesten Spielerinnen. Sie hatte sich Ende 2010 als bisexuell geoutet, so unverkrampft wie sie eben ist. "Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde", sagte sie dem "Zeit Magazin". Aber auch sonst lieferte ihr "etwas anderer Lebensentwurf" (Nia Künzer über Angerer) jede Menge Stoff für Geschichten: Angerer trägt Second-Hand-Klamotten, geht auf Demos, hört gern Reggae und Ska und ist früher mit einem alten Feuerwehrbus durch die Gegend gefahren. Sie ist neugierig auf ferne Länder, fremde Menschen und liebt ihre Freiheit über alles. Sie hat eine Ausbildung zur Kamerafrau begonnen, dann Veranstaltungstechnikerin gelernt und schließlich zur Physiotherapeutin umgeschult. Nach ihrer Karriere will sie "Lebenskünstlerin" bleiben, in einem VW-Bus Afrika erkunden und ihrem Hobby Tauchen frönen. Auf Fuerteventura hat sie sich für später ein Haus gekauft, um dicht dran zu sein an ihren Lieblings-Tauchspots.

"Natze" wird zur Elfmeter-Killerin

Steckbrief Nadine Angerer

Position: Tor
Trikotnummer: 1
Verein: Brisbane Roar/Australien
geboren am: 10. 11. 1978 in Lohr/Main
Größe: 175 cm
Gewicht: 71 kg
Länderspiele: 124
Länderspieltore: 0
Länderspiel-Debüt: 27. August 1996 gegen die Niederlande (3:0)
größte Erfolge im Nationalteam: Weltmeisterin 2003 und 2007; Europameisterin 1997, 2001, 2005, 2009, 2013; Olympia-Bronze 2000, 2004, 2008

Lieber noch hätte die sprunggewaltige und vor allem auf der Linie starke Angerer mit dem WM-Titel im eigenen Land Schlagzeilen gemacht, doch es kam anders. Die Gastgeberinnen verloren ihr Viertelfinale gegen Japan mit 0:1 nach Verlängerung. "Surreal" nannte die Torfrau kurz nach dem Abpfiff den Absturz aus allen Titelträumen. Und sie gab zu, dass sie beim entscheidenden Tor von Karina Maruyama nicht gut aussah, weil sie die kurze Ecke nicht zumachte. Für Silvia Neid blieb "Natze" trotzdem erste Wahl. Nach dem Abgang von Birgit Prinz wurde die Torhüterin von der Bundestrainerin zur Spielführerin ernannt. Ein Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere ist nicht abzusehen. Zwar sucht sie im Herbst ihrer Karriere noch einmal eine neue Herausforderung, zunächst bei Brisbane Roar in Australien und danach in den USA. Die deutsche Nummer eins will sie aber auch nach der EM noch sein. "Alter entsteht im Kopf", sagt sie. "Und da bin ich sehr jung geblieben." Und wie fit sie noch immer ist, stellte sie bei der EM unter Beweis. Sie nahm extra für das Turnier sechs Kilo ab, kassierte nur ein Gegentor und hielt beim 1:0 gegen Norwegen im Finale zwei Elfmeter.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 28.07.2013, 15.20 Uhr

Stand: 28.07.13 18:15 Uhr