Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft im Nadine Angerer (M.) bejubelt den EM-Sieg 2013 © imago/Kamerapress

2013

Angerer hält Deutschlands achten Sieg fest

Mit einer ersatzgeschwächten, jungen Mannschaft gelang Deutschland 2013 in Schweden der sechste EM-Triumph in Serie. Keeperin Nadine Angerer wurde zur besten Spielerin des Turniers gewählt.

Als Schiedsrichterin Cristina Dorcioman (Rumänien) am 28. Juli 2013 in Solna das Finale der Europameisterschaft in Schweden abpfiff, stürmten alle deutschen Spielerinnen zu Nadine Angerer und fielen der Torhüterin um den Hals. Die Kapitänin des DFB-Teams war zuvor in einem dramatischen Duell mit Norwegen durch zwei gehaltene Strafstöße zur Heldin ihrer Farben avanciert. Ihre Gala-Vorstellung sowie ein Treffer der eingewechselten Anja Mittag kurz nach dem Seitenwechsel sorgten für den 1:0 (0:0)-Erfolg des Titelverteidigers, der seinen sechsten EM-Triumph in Folge feierte. Und das mit einer ersatzgeschwächten, jungen Mannschaft, die nicht als Topfavorit in die Endrunde gegangen war und in der Gruppenphase enttäuschte. "Es hat sich wieder gezeigt, dass wir eine Turnier-Mannschaft sind. Wir haben uns in das Turnier reingekämpft und zum richtigen Zeitpunkt den Hebel umgelegt", resümierte Angerer. Die Schlussfrau wurde zur besten EM-Spielerin gewählt und erhielt bald darauf auch die Auszeichnungen zur "Weltfußballerin des Jahres" und zu "Europas Fußballerin des Jahres".

"Mission Titelverteidigung" ohne Sextett

Dass es für Angerer und Co. in Schweden ein Happy End geben würde, darauf hatte einige Wochen zuvor wenig hingedeutet. In Verena Faißt, Viola Odebrecht, Alexandra Popp, Linda Bresonik, Kim Kulig und Babett Peter fielen gleich sechs Stammkräfte im Laufe der EM-Vorbereitung aus. "Dass wir so viele Ausfälle haben, ist für uns keine leichte Situation, aber wir müssen und werden damit umgehen", sagte Bundestrainerin Silvia Neid. Gute Testspiel-Ergebnisse - unter anderem ein 4:2 gegen Weltmeister Japan - nährten dann auch zumindest kleine Hoffnungen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung.

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05:47 min | 23.05.2017 | Autor/in: Bernd Schmelzer

Siegerehrung 2013: DFB-Team holt den Titel

Die Siegerehrung nach dem Titelgewinn 2013: Der Triumph im Endspiel gegen Norwegen war das Sahnehäubchen auf einem Turnier, bei dem andere Mannschaften als Favoriten gehandelt worden waren.

Durchwachsene Vorrunden-Leistungen

Die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen Leonie Maier (l.) und Simone Laudehr im Duell mit der Niederländerin Kirsten van de Ven © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Der DFB-Auswahl - hier im Spiel gegen die Niederlande - gelang in der Vorrunde nur ein Sieg.

Aber der Start in die Titelkämpfe verlief ernüchternd. Beim torlosen Remis gegen die Niederlande war nichts mehr zu erkennen von der Unbekümmertheit und dem Spielwitz aus den Vorbereitungspartien. "Ich finde, wir haben sehr ängstlich gespielt. Jetzt geht es halt um was, dadurch waren wir wie gelähmt", sagte Angerer. Dem trostlosen 0:0 folgte zwar eine deutliche Leistungssteigerung des Neid-Teams im zweiten Gruppenspiel gegen Island. Eine richtige Standort-Bestimmung war das Duell mit dem Außenseiter aber nicht. Dafür mangelte es dem Kontrahenten schlichtweg an der nötigen Qualität. Die Tore zum ungefährdeten 3:0 (1:0)-Sieg erzielten Lena Lotzen (24.) sowie Celia Šašić (55., 84.). Damit stand die Viertelfinal-Qualifikation bereits vor der abschließenden Vorrundenpartie gegen die ebenfalls ungeschlagenen Norwegerinnen fest, in der es "nur" noch um den Gruppensieg ging. Und den verspielte Deutschland durch einen indiskutablen Auftritt gegen eine B-Elf der Skandinavierinnen. Das 0:1 war gleichbedeutend mit der ersten EM-Niederlage seit mehr als 20 Jahren. "Wir müssen jetzt unseren Arsch hockriegen, sonst wird ds kein gutes Turnier für uns", forderte Angerer.

Hart erkämpfter Viertelfinal-Sieg gegen Italien

In der Runde der letzten Acht wartete in Italien eine unangenehme, aber allemal lösbare Aufgabe auf den Titelverteidiger. Die "Azzurre" waren als Zweite der Gruppe A hinter Schweden ins Viertelfinale eingezogen. Vor 9.265 Zuschauern in Växjö brachte Simone Laudehr die DFB-Auswahl in der 26. Minute in Front. Sicherheit verlieh das Tor Deutschland nicht. Italien besaß einige gute Gelegenheiten zum Ausgleich, vergab diese aber allesamt kläglich. "Wir haben gegen ausgebuffte Italienerinnen stark dagegengehalten und gekämpft bis zum Umfallen. Ich bin total stolz auf die Mannschaft", sagte Neid nach nervenaufreibenden 90 Minuten.

Dänemark sensationell in Vorschlussrunde

Neben dem Rekord-Europameister zogen Schweden (4:0 gegen Island), Norwegen (3:1 gegen Spanien) sowie sensationell Dänemark in die Vorschlussrunde ein. Die Skandianvierinnen warfen die favorisierten Französinnen mit 5:3 nach Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 gestanden. Kurios: Dänemark hatte keines seiner Turnierspiele nach 90 Minuten gewonnen und war nur durch Losentscheid (Russland verlor die "Lotterie") ins Viertelfinale gekommen.

Marozsán schießt DFB-Team ins Finale

Die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen Simone Laudehr und Dzsenifer Marozsan (v.l.) © picture-alliance/dpa Fotograf: Carmen Jaspersen

Dzsenifer Marozsan (r.) traf zu Deutschlands 1:0-Halbfinal-Sieg gegen Schweden.

Deutschlands Semifinal-Duell mit den Gastgeberinnen am 24. Juli in Göteborg war dann für Neid "das beste Frauenfußballspiel, dass ich je gesehen habe", wie sie im FIFA-Interview erklärte: "Das ging hin- und her. Ein hohes Tempo, 90 Minuten lang - und wir haben gewonnen." Das goldene Tor vor 16.628 Zuschauern im Gamla-Ullevi-Stadion erzielte Dzsenifer Marozsán in der 33. Minute. "Die Mannschaft war saugeil heute. Man hat gesehen, dass wir den Sieg richtig wollten", freute sich Kapitänin Angerer. Noch dramatischer verlief am Tag darauf das zweite Halbfinale zwischen Dänemark und Norwegen, das bereits nach drei Minuten durch Marit Christensen in Front ging. Kurz vor Ultimo konnte Mariann Knudsen egalisieren (87.). Die Verlängerung blieb torlos, sodass das Elfmeterschießen entscheiden musste. Und in diesem hatten die Norwegerinnen mit 3:2 das bessere Ende für sich.

"Schwedin" Mittag trifft für Deutschland

Im Endspiel am 28. Juli vor 41.301 Zuschauern in Solna sah sich die Mannschaft von Coach Even Pellerud gegen stürmische Deutsche zunächst in die Defensive gedrängt. Mit etwas Fortune hielt sie aber die Null und griff ab Mitte des ersten Abschnitts ihrerseits forscher an. Nach einem zweifelhaften Elfmeterpfiff besaß Trine Rønning in der 29. Minute die Chance, Norwegen in Führung zu bringen. Aber die Mittelfeldakteurin von Stabæk FK fand ihre Meisterin in Angerer. Die DFB-Kapitänin verhinderte vor dem Seitenwechsel ein weiteres Mal den Rückstand, als sie spektakulär gegen Ingvild Stensland klärte (39.). Neid wechselte zum zweiten Durchgang Mittag für die zweikampfschwache Lena Lotzen und damit den Sieg ein. Denn nur 240 Sekunden nach dem Wiederanpfiff staubte ausgerechnet die Schweden-Legionärin vom FC Rosengard zum 1:0 ab. "Es war ein guter Angriff und ich musste ja nur meinen Fuß hinhalten. So richtig fassen kann ich es noch nicht", gab Mittag später zu Protokoll.

Noten

Die Europameisterinnen in der Einzelkritik

"Kann das noch gar nicht realisieren"

Die Stürmerin und ihre Teamkameradinnen mussten anschließend Schwerstarbeit verrichten, um den Vorsprung gegen wütend angreifende Norwegerinnen zu verteidigen. Mit etwas Fortune und einer überragenden Angerer zwischen den Pfosten gelang es. Die Schlussfrau parierte auch den zweiten - diesmal berechtigten - Strafstoß der Skandinavierinnen von Solveig Gulbrandsen bravourös (61.). Was sie mit dem jungen DFB-Team in Schweden geleistet hatte, konnte Angerer nach dem Schlusspfiff zunächst nur schwer in Worte fassen: "Ich fühle mich jetzt irgendwie noch total leer und realisiere das noch gar nicht." Später am Abend, als der Triumph ausgiebig gefeiert wurde, brachte Laudehr das Erfolgsgeheimnis der deutschen "Krabbelgruppe" auf den Punkt: "Wenn man so ein Ding in der Hand halten will, dann muss man schon einiges geben, den Schweinehund überwinden und kämpfen."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live | 28.07.2013 | 15:20 Uhr

Stand: 14.06.17 09:25 Uhr