Frauenfußball-Bundestrainerin Steffi Jones © imago/MIS

Deutsches Team

Steffi Jones: Das Leben ist ein Kampf

von Hanno Bode, sportschau.de

Stephanie "Steffi" Ann Jones hat in ihrem Leben gegen vielen Widerstände ankämpfen müssen. Als klassisches "No Future Kind" in schwierigisten Verhältnissen aufgewachsen, schaffte es die heutige Bundestrainerin dank des Fußballs und ihrer Kämpfernatur von ganz unten nach ganz oben.

Zuweilen wird das kleine Mädchen, das dort etwas verloren und traurig in der Gegend herumsteht, der ihr zugeteilten Aufgabe nicht gerecht. Steffi Jones springt etwas zur Seite oder duckt sich, wenn ein Ball mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu kommt. Sie ist vier Jahre alt und wünscht sich nichts sehnlicher, als mitspielen zu dürfen. Doch ihr drei Jahre älterer Bruder Christian, der mit seinen Kumpels auf einem Stück Rasen kickt, hat eine andere Rolle für sie vorgesehen. "Da waren halt keine Tore vorhanden, sondern nur eine Jacke. Und dann war ich halt der zweite Pfosten", erinnerte sich Steffi Jones im Interview mit der Deutschen Welle an ihre ersten Berührungspunkte mit der Sportart, "ohne die ich nicht der Mensch wäre, der ich heute bin". Im Fußball fand die Tochter eines US-Amerikaners und einer deutschen Mutter Halt. Er ebnete der gebürtigen Frankfurterin, die eine schwierige Kindheit hatte, den sozialen Aufstieg. "Der Fußball war für mich neben meiner Mutter ein Auffangbecken. Ich habe mich dort durchgesetzt und gespürt, dass ich gut bin und Anerkennung finde", erklärte die heutige Bundestrainerin.

Frauenfußball-Bundestrainerin Steffi Jones © imago/Pressefoto Baumann

26:41 min | 03.07.2017 | NDR 2

Jones: Druck und Ziel sind gleich geblieben

Steffi Jones geht in ihr erstes großes Turnier als Bundestrainerin. Trotz des personellen Umbruchs nach Olympia und Verletzungssorgen blickt die 44-Jährige der EM optimistisch entgegen.

Kindheit und Jugend unter schwierigsten Bedingungen

Jones hat früh lernen müssen, ihre Ellenbogen einzusetzen. Der Kampf habe bei ihr immer ein Stück im Vordergrund gestanden, erzählte sie der Deutschen Welle. "Deswegen ist diese Eigenschaft, nie aufzugeben, immer Bestandteil meines Lebens." Ein Leben, das schwerer kaum hätte beginnen können. Sie sei ein "klassisches No Future Kind" gewesen, schrieb die Journalistin und Publizistin Birgit Schönau ("Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit") einmal mit Blick auf Jones' schwierige Familienverhältnisse. Mutter Liselotte, die drei Kinder mit drei verschiedenen Männern hat, muss ihren Nachwuchs alleine aufziehen. Sie arbeitet von frühmorgens bis spätabends, um das Existenzminimum der Familie zu sichern. Eine unbeschwerte Kindheit kann sie ihrer Tochter und den beiden Söhnen nicht bieten. Aber dafür unendlich viel Liebe, wie Steffi Jones immer wieder betont. Nichtsdestotrotz sind die drei tagsüber meistens auf sich allein gestellt. Und das in Frankfurt-Bonames, einem sozialen Brennpunkt der Mainmetropole. Der Weg in die Drogenszene oder in die Kriminalität ist hier viel kürzer als anderswo in der Bankenstadt.

Schwere familiäre Schicksalsschläge

Steffi Jones (Foto aus dem Jahr 2010) © imago/Norbert Schmidt

Steffi Jones musste in ihrem Leben einige Schicksalsschläge verkraften.

Steffi Jones' älterer Bruder Christian gerät in diesen Sog. Mehrfach kommt er mit dem Gesetz in Konflikt und muss Freiheitsstrafen verbüßen. Er ist im Teufelskreis von Heroinsucht und Beschaffungskriminalität gefangen. Seiner Schwester ist er keine Hilfe mehr. Sie kümmert sich um ihren jüngeren Bruder Frank, den später auch ein fürchterliches Schicksal ereilt: 2006 verliert er als im Irak stationierter US-Soldat bei einer Explosion beide Beine. Zu diesem Zeitpunkt neigt sich die Fußball-Karriere von Steffi Jones bereits dem Ende entgegen. 2007 hängt sie ihre Schuhe an den berühmten Nagel. Im selben Jahr wird ihre Biografie veröffentlicht: "Der Kick des Lebens. Wie ich den Weg nach oben schaffte."

Kapitänin in einer Jungenmannschaft

Jener beginnt wie beschrieben auf einem Stück Rasen in Bonames - als Torpfosten. Bald aber gelingt Steffi Jones ein "Karrieresprung": Sie ist nun kein Aluminium-Ersatz mehr, sondern darf zunächst ins Gehäuse und dann auch ins Feld, wenn Bruder Christian mit seinen Kumpels kickt. Steffi Jones ist talentiert. Viel begabter als alle Jungs, mit denen sie bis zur C-Jugend beim SV Bonames in einer Mannschaft spielt. Das einzige Mädchen der Mannschaft wird sogar zur Kapitänin gewählt. "Es war schön für mich, dass ich diesen Stellenwert hatte. Dadurch bin ich in meiner Persönlichkeit gewachsen", erzählte die heutige Bundestrainerin der Deutschen Welle. Dieses Selbstwertgefühl hilft ihr auch, den Alltag besser zu meistern. Weder die familiären Probleme noch Rassismus - sie wird in der Schule als "Negerlein" und "Krollekopp" bezeichnet - werfen das junge Mädchen aus der Bahn. Im Gegenteil: "Ich bin überzeugt davon, dass ich diese Karriere gerade wegen der widrigen Umstände starten konnte."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau live | 17.06.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 13.06.17 09:15 Uhr