DFB-Spielerin Babett Peter ist enttäuscht. © imago/Revierfoto

05:06 min | 30.07.2017 | Das Erste | Autor/in: Jan Neumann

Trauer und Rätselraten nach dem bitteren EM-Aus

Ein frühes Tor gab keine Sicherheit, ein dicker Anfängerfehler war der Anfang vom Ende: Im deutschen Team herrscht Ratlosigkeit nach dem unerwarteten EM-Aus gegen Dänemark.

Deutsches Team

Schwaches DFB-Team scheitert im Viertelfinale

von Hanno Bode, sportschau.de

Für die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft ist die EM in den Niederlanden bereits nach dem Viertelfinale beendet. Das nach dem Olympiasieg 2016 in Rio neu formierte Team von Bundestrainerin Steffi Jones unterlag Außenseiter Dänemark am Sonntagmittag in Rotterdam mit 1:2 (1:0). Die Partie war am Samstagabend wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt und auf Sonntagmittag verschoben worden.

Wie bereits am Samstagabend (29.7.17) weinte der Himmel bitterlich, als beide Mannschaften am Sonntagmittag den Rasen des Stadions Sparta-Het Kasteel betraten. Die meisten Spielerinnen hatten trotz des trostlosen Wetters ein Lächeln im Gesicht, während die Nationalhymnen abgespielt wurden. So auch Dänemarks Keeperin Stina Petersen, deren Gesichtszüge sich bald nach dem Anpfiff jedoch versteinerten. Denn mit einem - gelinde ausgedrückt - unorthodoxen Abwehrversuch hatte die frühere Bundesliga-Keeperin (1. FC Köln, MSV Duisburg) Hauptverantwortung für das frühe 1:0 des Titelverteidigers getragen. Einen eigentlich harmlosen Schuss von Außenverteidigerin Isabel Kerschowski, der mittig auf den Kasten zuflog, versuchte die 31-Jährige mit der rechten Hand über die Latte zu lenken. Die Betonung liegt auf "versuchte": Die Kugel rutschte ihr über den Kopf hinweg ins Gehäuse (3.). Petersen pflegte damit die "gute Tradition" der Torwart-Patzer bei der Endrunde in den Niederlanden. Vor ihr hatten bereits andere Schlussfrauen kräftig daneben gegriffen und eine Diskussion über die Qualität der Keeperinnen ausgelöst.

Harder vergibt beste dänische Chance

Dass die Dänin ihr Handwerk aber durchaus versteht, stellte sie im Anschluss unter Beweis. Schüsse von Sara Däbritz (6.) und Kristin Demann (7.) sowie einen gefühlvollen Freistoß von Dzsenifer Marozsan (12.) wehrte Petersen, die wegen ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin inzwischen nur noch in der dänischen Liga bei Kolding spielt, ab. Ab Mitte des ersten Abschnitts konnte die 31-Jährige dann ein wenig durchschnaufen. Verantwortlich dafür war ein Leistungsabfall beim DFB-Team. Der Rekordchampion vermochte es nun nicht mehr, Druck auf den unsicher wirkenden Defensivverbund der Skandinavierinnen auszuüben. Auch defensiv gab es den einen oder anderen Wackler. Die Däninnen konnten daraus allerdings kein Kapital schlagen. Sie spielten ihre Angriffe zu unkonzentriert aus. Nur einmal stockte den deutschen Fans in Hälfte eins der Atem, als Pernille Harder im Anschluss an einen schlampigen Pass ihrer Wolfsburger Mannschaftskameradin Anna Blässe frei vor dem Tor auftauchte, ihr Schuss aber am langen Pfosten vorbeikullerte (6.).

Ausgleich bringt DFB-Team aus dem Konzept

Die ersten 45 Minuten hatten den Däninnen jedoch gezeigt, dass Deutschland in der Arbeit gegen den Ball so seine Schwächen hat. Und nach dem Seitenwechsel wusste sich das Team von Coach Nils Nielsen diesen Umstand zunutze zu machen. Es brachte den im Defensivbereich zunehmend unsortiert wirkenden Favoriten nun beinahe minütlich in Verlegenheit. Beim Ausgleich profitierte der Außenseiter allerdings auch davon, dass Schiedsrichterin Katalin Kulcsár (Ungarn) ihre Assistentin ignorierte, die nach einem Zweikampf von Marozsan mit Stine Larsen die Fahne gehoben hatte und auf Freistoß plädierte. Die Unparteiische aber ließ sehr zur Verwunderung der deutschen Kapitänin, die stehen blieb, weiterspielen. Larsen rannte an die Grundlinie, flankte präzise auf Nadia Nadim, die Blässe beim Kopfball übersprang und zum 1:1 traf (49.).

Deutsches Team

Einzelkritik: Kerschowski trifft und patzt

Deutsche Abwehr zeigt Auflösungserscheinungen

Hernach zeigte die Abwehr der DFB-Auswahl kurzfristig Auflösungserscheinungen und ließ beste Gelegenheiten durch Katrine Veje (52., 57./Latte) sowie Harder (58., 60.) zu. Glück zudem für den Titelverteidiger, dass die Pfeife von Schiedsrichterin Kulcsár nach einem rüden Einsteigen von Keeperin Almuth Schult gegen Nadim stumm blieb (75.). Es gibt außerhalb von England Referees, die dieses Einsteigen mit einem Strafstoß sanktioniert hätten. Zumindest offensiv ließen die im Gesamtauftritt enttäuschenden Deutschen hin und wieder ihr Potenzial aufblitzen. Zu ihrem Pech sah Torfrau Petersen inzwischen aber davon ab, ihren Horizont durch das Ausprobieren neuer Abwehrtechniken zu erweitern. Sie vereitelte gegen Linda Dallmann zweimal ganz konventionell, aber eben auch gut das 2:1 (56., 61.).

Nielsen trifft zum dänischen Sensationssieg

Eine erneute Führung der DFB-Mannschaft wäre allerdings auch schmeichelhaft gewesen. Dänemark war frischer, willensstärker, in seiner Performance reifer - schlichtweg besser. Und die Nielsen-Equipe belohnte sich für ihre tolle Vorstellung im zweiten Durchgang: Die eingewechselte Frederikke Thögersen flankte unbedrängt auf Theresa Nielsen, die Schult per Kopfball überwand (83.). Damit war die Entscheidung in Rotterdam gefallen. Deutschland vermochte es in der Schlussphase nicht mehr, die Wende herbeizuführen und damit das vorzeitige EM-Aus abzuwenden. "Natürlich hinterfrage ich jetzt meine Entscheidungen. Wir werden die EM analysieren, dann werden wir sehen, ob es vom System her passte, ob wir anders entscheiden hätten müssen", sagte Jones: "Die Enttäuschung ist sehr groß. Man fragt sich, was schiefgelaufen ist und was wir nach den Gruppenspielen nicht verstanden haben."

Fußball UEFA-FRAUEN-EM 2017
Deutschland : Dänemark

30.07.17 12:00 Uhr, Viertelfinale

Deutschland

Schult - Blässe, Goeßling, Peter, Kerschowski - Demann (62. Islacker) - Doorsoun (46. Magull), Däbritz - Marozsán - Mittag, Dallmann (88. Petermann)

1

Dänemark

Petersen - T. Nielsen, Boye Sörensen, Larsen, Röddik (69. Sandvej) - Troelsgaard, L. Jensen, Kildemoes (66. Thögersen), Veje - Nadim, Harder

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Ergebnis

  • 1:2 (1:0)

Tore

Strafen

Bes. Vorkommnisse

Ort

  • Rotterdam

Zuschauer

  • 5251

Schiedsrichter

  • Katalin Kulcsár (Ungarn)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau live | 30.07.2017 | 17:20 Uhr

Stand: 30.07.17 13:51 Uhr